Projektbeschreibung DGS.txt.typ „Bestimmung gebärdensprachlicher Textsorten

auf der Basis eines digitalen Datenkorpus“

Ziele des Projektes

Dieses Projekt verfolgt zwei Ziele:

Es soll erstens eine gebärdensprachliche digitale Bibliothek[i] aufgebaut werden, die eine möglichst repräsentative Sammlung von natürlichen DGS-Texten enthält. Repräsentativ bedeutet, dass die gesammelten Texte viele Themen abdecken sollen und in vielen unterschiedlichen Situationen entstanden sind. Ein weiterer Gesichtspunkt für die Text-Sammlung ist das Alter und die Herkunft der Gebärdenden, so dass wir z.B. vergleichen können, welche Gebärden nur von Älteren verwendet werden.

Diese digitale Bibliothek soll einen Katalog mit näheren Angaben zu jedem DGS-Text („Meta-Daten“) enthalten, der so genau ist, dass später DGS- oder Dolmetsch-DozentInnen ohne Probleme über eine Suchfunktion typische Texte zu bestimmten Themen und Situationen finden können.

Zweitens soll ein Teil dieser Texte transkribiert werden, um sie sprachlich analysieren zu können. Ziel dieser Arbeitsphase ist die Analyse typischer sprachlicher Merkmale[ii] für einzelne Textsorten und Register. Bisher können wir unterschiedliche Textsorten in der DGS nur über das Thema und die Situation, in der sie entstanden sind, bestimmen. Unsere Hypothese ist, dass je nach Register (das ist die für einen bestimmten Bereich typische Ausdrucksweise, die verschiedene Textsorten umfassen kann) auch bestimmte sprachliche Merkmale entweder häufiger, seltener oder gar nicht zu finden sind. Zum Beispiel scheint es so zu sein, dass Rollenübernahmen in Fachtexten nur in verkürzter Form bzw. seltener als in Erzählungen oder informellen Gesprächen verwendet werden. Andere Fragen betreffen sprachliche Unterschiede zwischen Gesprächen unter Erwachsenen und Gesprächen zwischen Erwachsenen und Kindern usw.



[i] Für den Aufbau eines digitalen Datenkorpus wird zunächst auf im Studiengang prinzipiell verfügbares, in Inhalt, Art und technischem Format heterogenes Material zurückgegriffen, das gesichtet und für eine Speicherung auf dem Videoserver aufbereitet wird. Die Aufbereitung umfasst dabei die Erstellung digitaler Datenkopien in einem einheitlichen Format und die Erfassung von Metadaten (Angaben zu den Umständen und Beteiligten, zu Inhalten und Dauer sowie zur technischen Qualität der Aufnahme). Die genaue Erfassung von Metadaten ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, das digitale Material für beliebige Verwendungen verfügbar zu machen.

Das im Studiengang vorhandene Material weist Ballungen und Lücken auf, die auf sein weitgehend zufälliges Zustandekommen zurückzuführen sind. Um ein Beispiel zu geben: Es liegt eine ganze Reihe von gebärdensprachlichen Kindergeschichten vor, die im Rahmen der zielgruppenspezifischen Fernsehsendung „Sehen statt Hören“ (Bayerischer Rundfunk) ausgestrahlt wurden; für Sprach- und Dolmetschübungen wichtiges Material aus den Bereichen Medizin, Verwaltung und Gericht fehlt dagegen fast vollständig. Die Erfassung von geeignetem gebärdensprachlichem Material wird daher gezielte Erhebungen von Daten zur Ergänzung des zu erstellenden umfassenden Korpus notwendig machen.


[ii] Die gebärdensprachlichen Daten sollen in Bezug auf Register und Textsorten bestimmt werden, um sie für die Translationslehre (Dolmetschen und Übersetzen zwischen Laut- und Gebärdensprache) fruchtbar werden zu lassen. Das bedeutet, dass wir sie in Bezug auf ihre sprachlichen und textuellen Eigenschaften näher untersuchen. Das Vorhaben kann hier an übersetzungsrelevante Texttypologien (etwa Reiß 1993) anknüpfen, wie sie für gesprochene Sprachen entwickelt, bislang aber nicht systematisch für die Beschreibung gebärdensprachlicher Textsorten genutzt worden sind. Vermittlung und Praxis translatorischen Handelns sind in besonderer Weise darauf angewiesen, die als Textsortenkonventionen bezeichneten Sprachverwendungsmuster zu erfassen, die die Produktion und Rezeption von Texten prägen. In der Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern erfolgt die Bestimmung kulturspezifischer Textsortenmerkmale vor allem durch Paralleltextanalysen, d. h. Analysen zielsprachlicher Originaltexte, die in kommunikativer Funktion und Thematik wesentliche Gemeinsamkeiten mit dem zu übersetzenden Ausgangstext aufweisen. Die hier vorgeschlagene Datenerschließung arbeitet diesem Ziel zu, indem die im Korpus ermittelbaren funktional bestimmten Texttypen und merkmalsgeprägten Textsorten unterschieden und beschrieben werden sollen.